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Medienspiegel - 14 Tage nach dem Tod Fidel Castros

Medienspiegel - 14 Tage nach dem Tod Fidel Castros

Am Morgen des 26. Novembers erreicht mich eine Email aus Kuba: „Desafortunadamente acaba de dar la noticia  MUERTE DE NUESTRO LIDER FIDEL CASTRO EJEMPLO DE DIGNIDAD  PARA TODA AMERICA“. In der lapidaren Nachricht beteuert meine kubanische Freundin den Tod Fidel Castros, ihres würdigen Führers und Vorbildes für ganz Amerika. 

 

Kubas legendärer Revolutionsführer und ehemaliger Präsident Fidel Castro hat die Karibikinsel Kuba fast 50 Jahre lang regiert und aus ihr eine der heute letzten Bastionen des Sozialismus im 20. Jahrhundert gemacht. Am 25. November starb Fidel Castro im Alter von 90 Jahren. Letzten Sonntag wurde er auf dem Friedhof Santa Ifigenia in Santiago de Cuba beigesetzt, somit sind die Zeremonien nach seinem Hinschied beendet – nicht aber die Aufmerksamkeit der Medien, die weiterhin emsig über den kultischen Comandante und den Mythos um seine Person berichten. Doch nicht alle Stimmen folgen dem Lobsang  meiner kubanischen Freundin. Die NZZ beispielsweise schrieb Fidel Castro sei „schon vor seinem Tod zum Gespenst geworden“ und von „narzisstischen Größenphantasien“ getrieben worden. Ungeachtet der unterschiedlichen Ansichten drängt sich allen die selbe Frage auf: Wie sieht die Zukunft Kubas aus?

 

Der Anfangspunkt des modernen Kubas begann vor nunmehr 58 Jahren und fast niemand weiß, dass ein Schweizer Teil davon war. Inmitten der Umwälzung lernte Fidel Castro 1958 einen jungen Schweizer Künstler kennen: Rudolf Häsler. Der Berner Oberländer war auf Hochzeitsreise und beabsichtigte lediglich während einer zweiwöchigen Tour das Land zu erkunden. Über die Cousins seiner kubanischen Ehefrau, die als Guerillakämpfer auf der Sierra Maestra waren, gelangte Häsler in Kontakt mit der sozialistischen Bewegung. Hingerissen von den revolutionären Idealen, beschloss Häsler kurzentschlossen Teil der Bewegung zu werden und auf Kuba zu verweilen. So kam es, dass sich ein Berner Oberländer inmitten des bedeutendsten Ereignisses von Kuba des 20. Jahrhunderts wiederfand, und mit den Galionsfiguren der Revolution Freundschaft schloss. Nach dem Triumph über den diktatorisch regierenden Staatspräsidenten Fulgencio Batista nahm Häsler, als Teil der Revolutionsregierung, das Amt eines Kulturministers ein und setzte sich für die Verwirklichung der sozialistischen Ideale ein. Die Kubanische Revolution erzielte große Triumphe und Errungenschaften, so sind beispielsweise Bildung und Gesundheitsversorgung für alle frei zugänglich. Unzulänglichkeiten sind allerdings weiterhin Kubas gewichtigstes Problem. In dem nach wie vor planwirtschaftlichen Umfeld kämpfen viele Kleinunternehmen angesichts schwerfälliger Bürokratie und strengen Auflagen. Defizite bestehen auch in der Landwirtschaft, riesige Agrarflächen liegen brach und die Mehrheit der Nahrungsmittel werden importiert.

 

Fidel Castro mag zehn US-Präsidenten politisch überlebt haben, dennoch hinterlässt er als Lebenswerk ein verarmtes Land und eine gespaltene Nation. Nicht alle bedauern den Tod des Comandante. Vor allem junge Kubaner sind zunehmend unzufrieden und geben alles daran auszuwandern. Sie sind in einer Zeit der Mangelwirtschaft aufgewachsen und identifizieren sich nicht mit der Revolution. Die Diskrepanz zwischen Realität und ideologischer Propaganda kennen sie von klein auf. Sie wünschen sich einen höheren Lebensstandard und Raum für politische Partizipation. Der Weltkapitalismus hat das Land bereits infiltriert und verführt die Landsleute von der süßen Frucht des Übermaßes zu kosten.

 

Bei den Dreharbeiten zu The Fast and The Furious im letzten Frühjahr kreiste ein schwarz schimmernder sehr moderner Helikopter am Himmel Havannas. Er bewegte sich ruckartig und flog dicht über die alten Ziegeldächer der Stadt. Der Flugkörper erschien sehr lächerlich, er vermochte sich nicht in die Kulissen der Kolonialstadt einzufügen und wirkte fast schon wie ein außerirdischer Gast. Ein Kubaner stand in einer engen Gasse der historischen Altstadt und beobachtete das spektakuläre Geschehnis: Er reckte seine Arme gegen den Himmel und schrie mit heißerer Stimme in die schwüle Nachmittagshitze: „¡Por Dios lleveme de aqui!“. Um Gotteswillen bringt mich fort von hier!

 

Der Máximo Líder vermochte in der postkolonialen Gesellschaft Kubas über lange Zeit ein hybrides Nationalgefühl zu schaffen, doch wer soll den Staat nun nach seinem Tod zusammenhalten? Braucht das sozialistische Regime ohne den ewigen Revolutionär eine neue Legitimationsgrundlage, um vor dem ideologischen Zerfall bewahrt zu werden?

Solange Ungewissheit über die Zukunft des karibischen Inselstaates herrscht, wird das Land in aller Munde sein; die Zeitungen werden weiterhin berichten, Reportagen werden gedreht und der Tourismus wird umso mehr boomen.

 

¡Hasta siempre Comandante! Das 20. Jahrhundert neigt sich wohl nunmehr auch in Kuba dem Ende zu, doch ungeachtet dessen, bleibt Fidel Castro eine Ikone und Kuba ein Faszinosum.