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Cuno Amiet: Expressionismus und die «Brücke»

Cuno Amiet: Expressionismus und die «Brücke»

Cuno Amiets künstlerischer Werdegang folgt der Entwicklungsgeschichte der Moderne, wie sie sich noch zu Lebzeiten des Künstlers herausbildete. Seine zeitnahe Übernahme nachimpressionistischer und frühexpressionistischer Stilmittel lässt es zu, ihn als Pionier der europäischen Malerei des 20. Jahrhunderts zu sehen.

 

Unser letzter Beitrag widmete sich dem frühen Amiet und seinem fruchtbaren Aufenthalt in der Bretagne, wo er mit Werken von Paul Gauguin in Kontakt kam und von seinen französischen Malerfreunden in die Kunst Van Goghs sowie in den Gebrauch reiner Farben eingeführt wurde. Nach seiner Rückkehr aus Pont-Aven und weiteren intensiven Schaffensjahren fand 1905 eine Ausstellung mit mehr als 40 Werken in der Galerie Richter in Dresden statt. Mit Sicherheit wurde die Ausstellung auch von den Künstlern der «Brücke» besichtigt. Dieser Schweizer, der in Pont-Avent gewesen und nicht nur mit Gauguin, sondern auch mit Van Gogh vertraut war, machte auf die jungen «Brücke»-Künstler einen so großen Eindruck, dass sie ihn 1906, ein Jahr nach ihrem Zusammenschluss, einluden, ihrer Gruppe beizutreten. 1905 vereinten sich die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff zu einer Künstlergruppe, die sie fortan «Brücke» nannten. Für den von Kirchner verfassten Programmtext der «Brücke» fertigte der Künstler eigens einen Holzschnitt mit folgendem Wortlaut an: „Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen. Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“

Als neues Mitglied der Künstlergruppe, die heute als Wegbereiter des deutschen Expressionismus gilt, adaptiert Amiet in den Folgejahren eine dem Expressionismus getreuen Formensprache. In dem 1908 entstandenen «Stillleben mit Zitronen» wird die Bildwirkung einerseits durch einen freien Umgang mit Farbe und Form sowie einer Auflösung der traditionellen Perspektive bestimmt. Auf einer Oberfläche, die mit einem groben blauen Pinselduktus zu einer in ihrer Form unfassbaren Tischablage ausgestaltet ist, präsentiert sich ein Teller mit zwei unverkennbaren Zitronen. Ein maskenartiger Puppenkopf späht über den Tisch, der sich an dieser Stelle zu wölben scheint. Dahinter drapiert ein oranges und ein grünes Textil die Ausstattung. Ein an den Tisch gerückter Korbsessel geht direkt in den flächigen, undefinierbaren Hintergrund über.

Wie in vielen Bildern setzt Amiet in diesem Stillleben auf den Effekt von Komplementärkontrasten, hier beschränkte er sich auf leuchtendes Orange und dunkles Blau. Die Bromer Art Collection birgt ein weiteres Gemälde von Amiet, das ein Jahr später entsteht, und sich in dessen Expressivität nicht minder kräftig präsentiert. Das «Bildnis eines Kindes» besticht nicht nur durch den pastosen Farbauftrag, sondern auch in dessen maltechnischer Ausführung: die mehrfarbigen Querschraffuren im Hintergrund verleihen dem Bildnis - in Kombination mit der stark reduktiven Darstellungsweise der Augen-, Nasen- und Mundpartie - eine expressive Note.

 

Cuno Amiet, "Stillleben mit Zitronen", 1908, Öl auf Leinwand, 55 x 60 cm

 

Cuno Amiet, "Bildnis eines Kindes", 1909, Öl auf Leinwand, 32.5 x 32 cm

 

Beim Betrachten dieser Gemälde sowie dem Ausschnitt des stark reduzierten Farbholzschnittes («Schulpause im Winter», undatiert, 32.5 x 32 cm), den wir im oberen Querbalken sehen, verstehen wir womöglich, welche Bewunderung und welchen Reiz Amiet auf seine Künstlerfreunde der «Brücke» ausgelöst haben mag.

 

Im kommenden Blog-Eintrag erfahren wir über Amiets Künstlerhaus auf der Oschwand und dem beinahe mondänen Leben das der in den 1920er Jahren mittlerweile vollends arrivierte Künstler in den Folgejahren geführt hat.