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Kleine Abhandlung verschiedener Ausstellungspraktiken

Kleine Abhandlung verschiedener Ausstellungspraktiken

Diesen Sommer wird gebaut in bromer kunst; ein neuer Galerieraum und somit 160 m2 zusätzliche Ausstellungsfläche entsteht. Der neue Anbau folgt der Ästhetik und der Funktionalität der restlichen Architektur unseres Hauses: Lichtdurchflutete, helle Räume kennzeichnen bromer kunsts Architektur, die anhand des Oberlichtes und der grossangelegten Fenster mit dem Aussenraum und der umliegenden Natur interagiert. Unsere Räumlichkeiten folgen einer Präsentationsform, die wir heute wohl als klassische, geläufige Ausstellungskonvention bezeichnen würden. Dementsprechend bieten bromer kunsts Räume ausreichend Platz, damit jedes ausgestellte Werk Wertschätzung geniessen kann, und Saaltexte sowie Werkbeschilderungen informieren den Besucher inhaltlich über die jeweilige Ausstellung. 

 

Doch reflektieren wir über diese gegenwärtige Ausstellungspraktik von Kunst, so führen wir uns vor Augen, dass sich diese im Laufe der Kunstgeschichte stets gewandelt hat. Im Schnelldurchlauf kann festgehalten werden, dass Kunst zunächst eine rituelle, kultische Begleiterscheinung darstellte: In der klassischen Antike diente die Kunst dem Tempelschmuck, dann im christlichen Mittelalter erscheint sie im sakralen Kontext der Kirche. Erst in der frühen Renaissance entstand eine Käuferschaft von Wohlhabenden Adeligen und Kaufleuten, die ihren unermesslichen Reichtum gerne durch den Erwerb von Kunst zur Schau stellte. Fortan schmückten Malereien also nicht mehr ausschliesslich Altäre und Kirchenschiffe, sondern auch weltliche Interieurs; die Kunst etablierte sich als profaner Raumschmuck. Von da an begannen sich Ausstellungspraktiken zu entwickeln, die dem jeweiligen Geschmack und Zeitgeist folgten. Über eine lange Zeitspanne genoss die sogenannte Salonhängung eine grosse Beliebtheit. Diese bezeichnet eine besonders enge Reihung von Gemälden, häufig bis an die Decke reichend, wobei die Rahmen der Werke dicht beieinander hängen. Auch bekannt als Petersburger Hängung, geht die Bezeichnung dieser Ausstellungsart auf die üppig behängten Wände der Sankt Petersburger Eremitage zurück. Diese Form der Präsentation von Gemälden bringt eine veränderte Intention bei der Ausstellung von Kunstwerken zum Ausdruck: Die Salonhängung zielt darauf ab, den Betrachter durch die schiere Menge der versammelten Kunstwerke zu beeindrucken. Objekt der Bewunderung ist letztlich nicht das einzelne Bild, sondern derjenige, der über die nötigen Mittel verfügt, eine große Kunstsammlung zusammenzustellen.

 

Beispiel einer Petersburger Hängung: Willem van Haecht, "Die Galerie von Cornelis van der Geest", 1628, Rubenshuis / Antwerpen

 

Demgegenüber lässt die heute gebräuchliche, weitaus sparsamere Hängung von Bildern das Einzelkunstwerk und somit den Kunstschaffenden stärker hervortreten. Heutzutage trifft man die Salonhängung noch häufig in Schlössern an, wo sie das Repräsentationsbedürfnis ihrer einstigen Bewohner weiterhin widerspiegelt. Auch in Auktionshäusern findet man eine ähnliche Hängung, wobei diese wohl eher auf Platzmangel als auf ästhetisches Empfinden oder gar auf repräsentative Zwecke zurückzuführen ist. 

 

Ganz im Gegensatz zu dieser ostentativ überladenen Präsentation von Kunstwerken steht ein zurückhaltendes Ausstellungskonzept, welches in der jüngeren Vergangenheit, im 20. Jahrhundert, Verbreitung fand. Seit den 1920er Jahren ist es üblich, insbesondere zeitgenössische Kunst, in farbneutralem Weiß zu zeigen, um die Ausstellungsarchitektur deutlich hinter das Kunstwerk zu stellen und eine Interaktion zwischen Architektur und Kunstwerk zu vermeiden. 1976 gab der Künstler und Kritiker Brian O’Doherty in der amerikanischen Zeitschrift „Artforum“ dem typischen Raum der Kunst der Moderne jenen Name, der sich durchsetzen sollte: White Cube. Unter White Cube (engl. „weißer Würfel“) versteht man das Ausstellungskonzept, Kunst in weißen Räumen zu präsentieren und dadurch eine vermeintlich referenzlose Gegenwärtigkeit der Kunst zu propagieren.

 

Beispiel der Präsentation von Kunstwerken in einem White Cube Ausstellungsraum

 

In den letzten Jahren ist die museale Ausstellungskonvention allerdings vom White Cube abgekommen. Die Meinung herrscht vor, dass sich Kunst in weißen Räumen ohne jede Aufbereitung zu wenig erleben lässt und, dass es einer gewissen Vermittlung bedarf, um die Kunst dem Betrachter näher zu bringen. 

 

An diesem Punkt sind wir wieder in der Gegenwart angelangt und am Anfangspunkt unserer Überlegungen zur kurzen Abhandlung über Ausstellungsarten. Bromer kunst und so auch unser neuer Anbau verfolgt den Anspruch einer musealen Ausstellungspraxis und einer für den Besucher angenehmer Ausgeglichenheit zwischen vollgeladener St. Petersburger Hängung und minimalistischen White Cube, denn „nur die Mitte zwischen zwei Extremen zählt als richtiges Mass“. 

 

Licht, Raum und Atmosphäre: Ansicht des Hauptsaales in bromer kunst