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Cuno Amiet: Expressionismus und die «Brücke»

Cuno Amiet: Expressionismus und die «Brücke»

Cuno Amiets künstlerischer Werdegang folgt der Entwicklungsgeschichte der Moderne, wie sie sich noch zu Lebzeiten des Künstlers herausbildete. Seine zeitnahe Übernahme nachimpressionistischer und frühexpressionistischer Stilmittel lässt es zu, ihn als Pionier der europäischen Malerei des 20. Jahrhunderts zu sehen.

 

Unser letzter Beitrag widmete sich dem frühen Amiet und seinem fruchtbaren Aufenthalt in der Bretagne, wo er mit Werken von Paul Gauguin in Kontakt kam und von seinen französischen Malerfreunden in die Kunst Van Goghs sowie in den Gebrauch reiner Farben eingeführt wurde. Nach seiner Rückkehr aus Pont-Aven und weiteren intensiven Schaffensjahren fand 1905 eine Ausstellung mit mehr als 40 Werken in der Galerie Richter in Dresden statt. Mit Sicherheit wurde die Ausstellung auch von den Künstlern der «Brücke» besichtigt. Dieser Schweizer, der in Pont-Avent gewesen und nicht nur mit Gauguin, sondern auch mit Van Gogh vertraut war, machte auf die jungen «Brücke»-Künstler einen so großen Eindruck, dass sie ihn 1906, ein Jahr nach ihrem Zusammenschluss, einluden, ihrer Gruppe beizutreten. 1905 vereinten sich die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff zu einer Künstlergruppe, die sie fortan «Brücke» nannten. Für den von Kirchner verfassten Programmtext der «Brücke» fertigte der Künstler eigens einen Holzschnitt mit folgendem Wortlaut an: „Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen. Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“

Als neues Mitglied der Künstlergruppe, die heute als Wegbereiter des deutschen Expressionismus gilt, adaptiert Amiet in den Folgejahren eine dem Expressionismus getreuen Formensprache. In dem 1908 entstandenen «Stillleben mit Zitronen» wird die Bildwirkung einerseits durch einen freien Umgang mit Farbe und Form sowie einer Auflösung der traditionellen Perspektive bestimmt. Auf einer Oberfläche, die mit einem groben blauen Pinselduktus zu einer in ihrer Form unfassbaren Tischablage ausgestaltet ist, präsentiert sich ein Teller mit zwei unverkennbaren Zitronen. Ein maskenartiger Puppenkopf späht über den Tisch, der sich an dieser Stelle zu wölben scheint. Dahinter drapiert ein oranges und ein grünes Textil die Ausstattung. Ein an den Tisch gerückter Korbsessel geht direkt in den flächigen, undefinierbaren Hintergrund über.

Wie in vielen Bildern setzt Amiet in diesem Stillleben auf den Effekt von Komplementärkontrasten, hier beschränkte er sich auf leuchtendes Orange und dunkles Blau. Die Bromer Art Collection birgt ein weiteres Gemälde von Amiet, das ein Jahr später entsteht, und sich in dessen Expressivität nicht minder kräftig präsentiert. Das «Bildnis eines Kindes» besticht nicht nur durch den pastosen Farbauftrag, sondern auch in dessen maltechnischer Ausführung: die mehrfarbigen Querschraffuren im Hintergrund verleihen dem Bildnis - in Kombination mit der stark reduktiven Darstellungsweise der Augen-, Nasen- und Mundpartie - eine expressive Note.

 

Cuno Amiet, "Stillleben mit Zitronen", 1908, Öl auf Leinwand, 55 x 60 cm

 

Cuno Amiet, "Bildnis eines Kindes", 1909, Öl auf Leinwand, 32.5 x 32 cm

 

Beim Betrachten dieser Gemälde sowie dem Ausschnitt des stark reduzierten Farbholzschnittes («Schulpause im Winter», undatiert, 32.5 x 32 cm), den wir im oberen Querbalken sehen, verstehen wir womöglich, welche Bewunderung und welchen Reiz Amiet auf seine Künstlerfreunde der «Brücke» ausgelöst haben mag.

 

Im kommenden Blog-Eintrag erfahren wir über Amiets Künstlerhaus auf der Oschwand und dem beinahe mondänen Leben das der in den 1920er Jahren mittlerweile vollends arrivierte Künstler in den Folgejahren geführt hat.


Cuno Amiet: Die Anfänge des Künstlers - Auf der Suche nach Licht und Farbe in Pont-Aven

Cuno Amiet: Die Anfänge des Künstlers - Auf der Suche nach Licht und Farbe in Pont-Aven

Die Bromer Art Collection bieten einen kleinen Überblick über Cuno Amiets (1868-1961) Oeuvre von 1894 bis 1957, wenn auch mit Lücken, umfasst die Sammlung insgesamt 12 Malereien und 4 Papierarbeiten des Künstlers. Ausgehend von den Werken aus der Bromer Art Collection soll die stilistische Vielfalt, welche Amiets Schaffen charakterisiert, aufgezeigt werden. So widmet sich dieser vierteilige Beitrag, bescheiden und unvollständig, prägenden Momenten des bewegten Lebens von Cuno Amiet. 

 

Cuno Amiets Bildwelt umfasst hauptsächlich Landschaften, Gärten, Porträts und Stillleben. Sein Werk vermittelt alles in allem den Eindruck eines Künstlers, der sich im Wesentlichen von der sichtbaren Welt inspirieren ließ, und der die große Begabung besaß, seine Wahrnehmung der Natur in fesselnde Bildkompositionen zu übersetzen. Sein Interesse galt traditionellen Motiven, die er mit einem ausgeprägten Farbgefühl in jeder der modernen Techniken umsetzte, welche die Avantgarde vom Neoimpressionismus bis zum Expressionismus entwickelt hatte. Von den 1890er Jahren an bis zum Ende seiner langen Laufbahn als Maler war es Amiets erklärtes Ziel, harmonische Bilder zu schaffen, in denen Farbe und Zeichnung, dank der Komposition so verschmelzen, dass sie eine ideale Synthese von Sinnes- und Gefühlseindrücken zu artikulieren vermögen.

 

Amiets künstlerische Anfänge lassen sich in Pont-Aven verorten, dem pittoresken bretonischen Fischerdörfchen, in dem sich der 24-jährige Amiet insgesamt 13 Monate aufhielt. Angeregt von der sogenannten «Schule von Pont-Aven», einer Künstlergruppe um Paul Gauguin, erwies sich sein Aufenthalt als sehr fruchtbar. Amiet wandte sich von der akademischen Malerei, die er in München erlernt hatte, ab und begann mit reinen Farben in neoimpressionistischer Manier zu malen. Auf der Suche nach Licht und Farbe entwickelte er seine eigene Charakteristik in der pointilistischen Maltechnik. Diese beruht auf dem gleichzeitigen Wechselwirken (Simultankontrast) von kleinen benachbarten Farbtupfern. Durch optische Verschmelzung und additive Farbmischung formen sich die Farbpunkte zu Gestalten. Diesem Prinzip folgend ist der Bildinhalt des Gemäldes «Prozession in Pont-Aven» auf seine elementarsten Formen reduziert, denn der gesamte Farbeindruck einer Fläche ergibt sich erst im Auge des Betrachters und aus einer gewissen Entfernung. Ein ähnlicher Malstil lässt sich, wenn auch in einem weniger fortgeschrittenen Abstraktionsgrad, im Ölgemälde «Stillleben mit Fayence und Äpfeln» beobachten. Der Hintergrund des Gemäldes gestaltet Amiet mit kurzen, länglichen Pinselstrichen, die in den Komplementärfarben Rot und Grün gehalten sind. Auf diese Weise kreiert er einen rauschend, bewegten Hintergrund, in dem der streng symmetrisch komponierte gegenständliche Bildinhalt beinahe zu oszillieren scheint.

 

Cuno Amiet,"Prozession in Pont-Aven", undatiert, Öl auf Leinwand, 27 x 41 cm

 

Cuno Amiet, "Stillleben mit Fayence und Äpfeln", undatiert, Öl auf Leinwand, 49 x 28.6 cm

 

Während seines Aufenthaltes in Pont-Aven fand sich Amiet inmitten von avantgardistischen Künstlerkreisen wieder, diese spornten in an, mit neuen Darstellungsweisen zu experimentieren. Er brach mit der akademischen Tonmalerei und verwendete fortan reine Farben für seine Malerei. Bei seiner Rückkehr in die vorwiegend konservativ gesinnte Schweiz fand er zunächst keinen großen Anklang damit. Dennoch behaarte er auf seinen Malstil und vermochte so mit den europäischen Avantgarde-Bewegungen mitzuhalten.

 

Der nächste Blog-Eintrag wird uns in Amiets expressionistische Periode mitnehmen, als er zu den Mitgliedern der «Brücke»-Künstlerbewegung zählte.

 


Naturfotografien von Roland Fürst

Naturfotografien von Roland Fürst

"Naturfotografien von Roland Fürst": Der Titel verrät bereits, die Ausstellung im Bromer Experimental Space zeigt den Solothurner Regierungsrat Roland Fürst nicht etwa in politischer Sphäre, sondern sie widmet sich seiner künstlerischen Seite. 

 

Abgesehen von bewussten gestalterischen Unschärfen kennzeichnet sich seine farbintensive und stimmungsvolle Naturfotografie durch grosse Schärfentiefe und genaue Detailzeichnung. Roland Fürst fotografiert Natur und Landschaft, dabei bevorzugt er die schöne Vielfalt seines Heimatkantons Solothurn festzuhalten. Seine Naturphotographien erheben nicht den Anspruch die Landschaften möglichst natürlich wiederzugeben, vielmehr intensiviert sich das Sujet in seiner Abbildung. Fürst vermag die reale Natur fotografisch in eine intensive Wahrnehmung zu übersetzen und somit bewegen sich seine Fotografien an der Schnittstelle zwischen einer dokumentarischen und zugleich ästhetisch künstlerischen Naturfotografie.

 

Im Blockhaus Experimental Space der bromer kunst werden vom 12. Mai bis zum 16. Juli 2017 erstmals Naturaufnahmen des besagten Fotografen ausgestellt.


Buchvorstellung: «Kuba – Freiheit oder Terror: Ein Maler erlebt die Revolution» von Rudolf Häsler (1927 – 1999)

«Kuba – Freiheit oder Terror: Ein Maler erlebt die Revolution»

Rudolf Häsler, der Schweizer Künstler, brach aus der Enge seines Heimatlandes aus, wie es einer kulturbedingten und langen Tradition unter den Schweizer Künstlern zu entsprechen scheint. Dass er sich dann in der weiten Welt ausgerechnet in eine Kubanerin verliebte und sie in einem 14-tägigen Aufenthalt auf Kuba heiraten wollte, war sein ganz persönliches Schicksal. Denn er fiel präzise mitten ins Zentrum der kubanischen Revolution und ließ sich von der Begeisterung des kubanischen Volkes für eben diese Revolution anstecken. Er war mit Feuer und Flamme dabei, die „Revolution in Freiheit“ mitzumachen, und war auch bereit, Jahre seiner besten Schaffenskraft für den revolutionären Humanismus hinzugeben. Den fortschreitenden Totalitarismus erlebte er aus nächster Nähe innerhalb des Staatapparates in voller Intensität, als er zur Position eines Nationalen Direktors für Kunstgewerbe aufstieg und somit auch Augenzeuge dieses Vorgangs wurde, der in seinen Details bis dahin noch nie beschrieben worden ist. Das Risiko er Freiheitsliebe kostete ihn dann allerdings beträchtliches Schmerzensgeld.

Die kubanische Revolution ist längst Geschichte geworden, doch der Weg, mit Hilfe eines ganzen Volkes eine Revolution anzubahnen, um dann, an die Macht gelangt, ein neues totalitäres System durchzuexerzieren, ist auch heute noch schmerzlich aktuell. Die breite Weltöffentlichkeit ist zwar über die historische Deutung dieses Prozesses weitgehend dokumentiert, im deutschsprachigen raum aber ist die Information darüber noch recht spärlich.

 

Dieses Buch kommt keineswegs aus einem spezifischen ideologischen Lager, es ist die Erzählung des Einzelschicksals eines Mannes, der sich Gedanken macht über das Erlebte. Es ist die Dokumentation über ein Weltereignis, mit eigenen Augen gesehen und hautnah miterlebt, vom idealistischen Beginn bis zum ruhmlosen Ende dieser „olivgrünen Revolution“. Rudolf Häsler, der Künstler, gerät unversehens auf die Rutschbahn der Weltpolitik und erlebt als Augenzeuge ein sehr wichtiges und gravierendes Kapitel der unmittelbaren Weltgeschichte. Die zwölf Jahre Kuba haben ihn geprägt, das aufregend geschriebene Buch schildert seine außergewöhnliche Zeit.

 

Anfang 2017 ist die bromer edition ins Leben gerufen worden, welche mit der Herausgabe der Neuauflage von Rudolf Häslers Werk „Kuba -  Freiheit oder Terror“ ihr Debut feierte. Die Buchvernissage fand am 8. April in der bromer kunst statt.

 


Urs Burki - Kunst und Ästhetik

Retrospektiv-Ausstellung im Blockhaus Experimental Space

«Ich bin gegen jegliche Monotonie und Uniformität: Ich liebe das Unbekannte, Absurde und Paradoxe. Und ich liebe das Chaos und die Ordnung — jedes zu seiner Zeit. Aber manchmal auch beides zusammen: im Leben wie auf der Leinwand.»

 

Urs Burki (1945-2017) promoviert im Jahre 1972 zum Doktor der Medizin und erlangte in den 2000-er Jahren als aussergewöhnlicher Chirurg Berühmtheit; seine „Openair“-Schönheitsoperationen, die an unerwarteten locations wie in Konzertsälen oder sogar auf der Dufourspitze stattfanden, sorgten für Schlagzeilen auch ausserhalb der Schweiz und waren von performativen Charakter; stellten jedoch sein beachtliches künstlerisches Schaffen weitgehend in den Schatten. Und dies obschon Burki in den 1970er-Jahren mit der Luzerner Kunstszene um Jean Christoph Ammann, Luciano Castelli und Urs Lüthi in Berührung kam und auch seine ersten Werke bereits in dieser Zeit entstanden. Er hat sein künstlerisches Werk (Skulpturen, Malereien, Fotografien und Performances) bis anhin ganz bewusst der Öffentlichkeit vorenthalten.

 

Eine Retrospektiv-Ausstellung im Blockhaus Experimental Space (bromer kunst) bietet auf über 200 m2 Einblick in das reiche und vielseitige Gesamtwerk des Künstlers Urs Burki. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung am 31. März 2017 werden die Künstler-Monografie «Chaos und Ordnung – Werke von 1973-2016» und das Buch «Openair-Perfrmances» erstmals vorgestellt. Die Ausstellung läuft bis am 30. April 2017 im Blockhaus Experimental Space.

 


Werkschau Luc Chessex in der bromer kunst – Kuba in den 60er-Jahren

Werkschau Luc Chessex in der bromer kunst – Kuba in den 60er-Jahren

Parallel zur Rudolf Häsler – Retrospektive beschäftigt sich in der bromer kunst gegenwärtig ein Raum mit den dokumentarischen Fotoarbeiten des Schweizer Fotographen Luc Chessex (*1936, Lausanne). Seine ausgestellten Werke, die Kuba in den 60er-Jahren, unmittelbar nach der Sozialistischen Revolution, porträtieren, zeichnen sich durch eine unverkennbare Ästhetik aus. Thematisch betten sich die Fotografien in den Kontext der Rudolf Häsler Ausstellung ein, da sich beide Künstler zeitgleich auf Kuba befanden und Angestellte der kubanischen Staatsregierung waren. 

 

Luc Chessex erlangte einen hohen Bekanntheitsgrad durch sein fotografisches Schaffen auf Kuba, seine Aufnahmen kreisten um den gesamten Globus und veranschaulichten das sozialistische Gedankengut Kubas. Kaum ein anderer Künstler hat den politischen Wandel in den Revolutionsjahren auf Kuba so umfangreich dokumentiert wie Chessex. Seine Portraits von Fidel Castro und Che Guevara sind geradezu zu Ikonen aufgestiegen.

Rudolf Häsler reiste anfänglich der Liebe wegen nach Kuba, Chessex hingegen angesichts der revolutionären Umwälzung, die sich auf der Karibik Insel ereignete. Mit der fotografischen Tätigkeit beabsichtigte er seinen eigenen Beitrag zu diesem historischen Moment zu leisten. Bereits im jungen Alter von 25 Jahren wanderte er 1960 in den neu etablierten sozialistischen Staat aus. Dort wurde er als offizieller Propaganda-Fotograf, die glorreiche Revolution würdigend, innerhalb des Kubanischen Kultusministeriums angestellt. Anschließend betätigte er sich vier Jahre bei der kubanischen Presseagentur „Prensa Latina“ und reiste seiner Funktion folgend in unterschiedlichste Lateinamerikanische Staaten. 

 

Beide Schweizer Künstler Luc Chessex und Rudolf Häsler sympathisierten mit den Idealen der Kubanischen Revolution und verstanden es, auf ihre ganz individuelle und kreative Art, etwas zur Verwirklichung des ideologischen Zieles beizutragen. Eines steht ganz sicher, die Beiden haben sich regelmäßig auf Kuba getroffen; an kulturellen Veranstaltungen oder bei Weißwein und Bündner Fleisch in der Schweizerischen Botschaft. 

 


Kubanische Kunst um die Revolutionszeit @ bromer kunst

Cuban Art around the Revolution @ bromer kunst

Um die künstlerischen Einflüsse, denen der Schweizer Künstler Rudolf Häsler während seines Aufenthaltes in Kuba (1957-1969) ausgesetzt war zu veranschaulichen, widmet sich ein Teil der aktuellen Retrospektiv-Ausstellung in der bromer kunst dem Kubanischen Kunstschafen während der Revolutionszeit. 26 Werke aus der Bromer Art Collection, die Zeitspanne zwischen 1943 bis 1996 umfassend, stellen einen gewagten Einblick in die vielfältige Kubanische Kunstgeschichte dar. 

 

Die akademische Tradition in der bildenden Kunst setzte auf Kuba mit dem beginnenden 19. Jahrhundert ein, als der französischer Historienmaler Jean Baptiste Vermay (1786-1833) erstmals eine Kunstakademie nach europäischem Vorbild in Havanna gründete. Erst in den 1940er Jahren, als Künstler wie Wilfredo Lam nach Europa reisen und dort Bekanntschaft mit den führenden Künstlern des Kubismus und des Surrealismus machen, gelangt das Gedankengut der europäischen Avantgarde nach Kuba und trägt dazu bei, dass sich Maler allmählich von der akademischen Tradition abwenden. So erinnern beispielsweise die Werke Jorge Camachos unweigerlich an die europäische Schule des Surrealismus.

 

Die Anfänge einer modernen Kunst sind auf Kuba ebenso wie in anderen Ländern Lateinamerikas eng mit der nationalen Identitätsfindung verbunden. So beginnt sich auf Kuba eine Kunsttradition auszubilden, die tradierte Formensprachen aus dem Ausland übernimmt, sich aber zugleich auf ihre afrokubanischen Wurzeln und ihre nationale Kultur besinnt. Diese, der kubanischen Kunst eigenen, Synthese wird beispielsweise in den Werken Antonio Argudíns ersichtlich, der um 1950 in europäisch avantgardistischer Manier kubanische Sujets auf die Leinwand bringt. 20 Jahre später malt Raúl Martínez Pop Art Porträts der führenden kubanischen Politiker und verbindet gleichermaßen eine ausländische Kunstströmung mit kubanischer Nationalgeschichte. 

 

Abb.: Antonio Argudín, Revolution, 1966, Öl auf Leinwand, 89 x 128 cm

 

Auch in Kuba ist das Kunstschaffen des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet durch eine Vielfalt vermeintlich unzusammenhängender Stilpluralismen. Die Bromer Art Collection präsentiert einen Schnitt durch das Kubanische Kunstschaffen einer politisch bewegten Epoche, welche sich unweigerlich auf die Kunstproduktion niederschlug und in der sich der Schweizer Künstler Rudolf Häsler notgedrungen wiederfand.

 


Rudolf Häslers Neptunbrunnen

Rudolf Häslers Neptunbrunnen

Von 1985 bis 1990 malte Rudolf Häsler mit akribischer Detailliebe an seinem 150 x 265 cm grossen Neptunbrunnen-Werk. Versucht man vor dem geistigen Auge die Fluchtlinien der Bildperspektive nachzuziehen, bemerkt man, dass der Künstler den Brunnen aus einer perspektivisch verzogenen Sicht wiedergibt; die Gesamtheit der monumentalen Brunnenkomposition einfassend, stellt er die Szenerie aus einer Art Weitwinkel-Perspektive dar. Dieser weite Blick integriert im rechten Bildrand das Mauerwerk der Nordwestecke des Palazzo Vecchio auf der Piazza della Signoria in Florenz und links das bronzene Reiterstandbild des Großherzoges Cosimo I. de’ Medici. Hinter dem marmornen Brunnen sind Florentinische Renaissancegebäude erkennbar. 

An dem Wettbewerb zur Gestaltung des Neptunbrunnens 1559 nahmen die bedeutendsten Florentiner Künstler teil. Die Wahl fiel auf Bartolemeo Ammannati, der mit der Darstellung des Meeresgottes Neptun zugleich das passende Herrschaftssymbol für den Auftraggeber Cosimo I. de’ Medici bot. Neptun steht im Kontrapost auf einem von vier Seepferden gezogenen Wagen. Am Sockel sind Muscheln, Fische und Meeresschlangen dargestellt. Den Brunnenrand des achteckigen Marmorbeckens schmücken symmetrisch angebrachte, elegant bewegte Bronzefiguren in sehr unterschiedlichen Posen: Auf erhöhtem Sockel sitzen die Meeresgottheiten Thetis, Doris, Okeanus und Nereus, die von Nymphen, Satyrn und Faunen umgeben sind.

Häsler verzichtet in seiner Komposition den Torso der Kolossalfigur darzustellen, doch er vermag die schmückenden Brunnenfiguren in ihrer ganzen Plastizität einzufangen. Der Künstler imitiert die Maserung des weißen Carrara-Marmors und selbst die oxidierte Oberfläche der Bronzefiguren gibt er malerisch wieder. 

Häslers fotorealistische Malweise lässt das Gemälde auf ersten Blick wie eine Postkarte erscheinen, doch bei genauerer Betrachtung offenbart die verzogene Perspektive zugleich ein surreales Gefüge, welches sich dem menschlichen Auge so nie präsentieren würde; die übereinandergelegten Ansichten im Bild suggerieren eine Synthese aus Wirklichkeit und Fiktion. Genau diese Diskrepanz ist es, welche die Virtuosität Häslers auszeichnet und ihn dadurch zu einem einzigartigen Vertreter der Fotorealistischen Strömung macht.

 


Rudolf Häsler - Ein avantgardistischer Maler des Fotorealismus

Rudolf Häsler - Ein avantgardistischer Maler des Fotorealismus

Der New Yorker Galerist Louis K. Meisel erwähnte 1969 erstmals den Begriff des Fotorealismus. Er betitelte damit eine bis zu dieser Zeit nicht dagewesene Art der Malerei, welche in den USA viele Kunstverständige ins Staunen versetze. Unwissend über die fotorealistische Bewegung in den USA, gelangte Rudolf Hälser auf seiner Ausreise aus Kuba über Mexiko in den Big Apple. Im Kontrast zum kommunistischen Inselstaat war der omnipräsente Konsum in New York frappierend für Häsler: «Ich musste den Weg in diese Realität suchen. Ich begann die optischen Erscheinungsformen zu untersuchen, so genau wie möglich zu beobachten, was sich hier zeigte.».  

 

In Rudolf Häslers letzter Schaffensphase verschärfen sich die Konturen seiner Pinselführung, das Abgebildete scheint mehr der uns bekannten Wirklichkeit zu entsprechen als in seinen vorherigen Werken. Das Neuartige an fotorealistischen Werken ist die Verschmelzung tradierter Bildmittel der Malerei mit Stilmitteln der Fotografie. Im Gemälde "Metzgerei" von 1985 ist nur die vordere Bildebene scharf abgebildet, der Hintergrund des Gemäldes hingegen ist verschwommen dargestellt – ein Phänomen, das üblicherweise auf Fotografien zu betrachten ist. Die Kompositionen in Häslers fotorealistischen Werken sind sehr detailreich, selbst im Bildhintergrund nimmt die Dichte der dargestellten Einzelheiten nur minim ab.

In seiner fotorealistischen Malweise geht es ihm weniger um die exakte Umsetzung der Darstellung der Fotografie in die Malerei, als um die bewusste künstlerische Entscheidung, welche Details akzentuiert werden sollen. Nicht jede Finesse wird ausgearbeitet, einige Dinge bleiben lediglich angedeutet. Die so entstehenden Unschärfen unterscheiden Häsler von anderen Fotorealisten. Einige Elemente in seiner Malerei bleiben graphisch, wie beispielsweise das Mauerwerk und die Reflektionen auf dem Gemälde "Bar de noche, 43nd Street, New York" von 1992. In diesen Unausgearbeiteten Stellen ist der Entstehungsprozess seiner fotorealistischen Werke erkennbar. Häsler hat nicht bloß Fotografien abgemalt, sondern seinen Gemälden liegen diverse Vorstudien, Skizzen und Farbanalysen zugrunde. Es geht ihm in seinem Schaffen nicht um eine exakte Widergabe der Wirklichkeit, sondern eher um eine abstrahierte, konstruierte Realität, die seines Erachtens besser in der Lage ist, die Stimmung eines Ortes wiederzugeben. 

 


Anleitung in VI Schritten - Wie drehe ich einen Dokumentarfilm auf Kuba

Anleitung in VI Schritten - Wie drehe ich einen Dokumentarfilm auf Kuba

Nach zweijähriger Nachlassaufarbeitung und fundierten Recherchearbeiten begannen im Frühjahr 2016 die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm über den Schweizer Künstler Rudolf Häsler (1927-1999) unter dem Titel «Coca-Castro». Die Filmaufnahmen wurden in der Schweiz, Spanien und Kuba realisiert, dabei erwiesen sich die Dreharbeiten im fernen Kuba als große Herausforderung.

 

I Antrag auf Drehbewilligung bei kubanischer Botschaft stellen:

In den Formulierungen unterstreichen, man beabsichtige weder eine Drohne noch Walkie Talkies in das Land einzuführen und immer wieder hervorheben, die Dokumentation habe keinerlei politische Dimensionen. Im autoritär regierten Karibikstaat gestaltet es sich schwierig, den strengen Behörden klar zu machen, man wolle einen Film über eine Persona non grata drehen, über ein ehemaliges Regierungsmitglied, das aus dem Land vertrieben wurde. Als Direktor im Nationalinstitut für Kunstgewerbe nahm Rudolf Häsler innerhalb der kubanischen Revolutionsregierung eine hohe Stellung ein. Der eigensinnige Schweizer Maler fiel jedoch kurzerhand bei Fidel Castro in Ungnade und wurde seines Amtes enthoben, weshalb er Kuba im Jahr 1969 Kuba fluchtartig verlassen musste.

Kreatives Vermögen ist gefragt, um dennoch eine Drehbewilligung vom kubanischem Außenministerium zu erhalten. Gemäß dem offiziellen Drehbuch wird Häsler nicht unter Berücksichtigung seines politischen Engagements porträtiert, sondern ausgehend vom Künstler eine Reportage über die kubanische Kunsthandwerktradition gedreht. Schließlich setzte sich Häsler als Direktor für Kunstgewerbe zum Ziel, die nationale Tradition der Kunsthandwerksindustrie, welche unter der Diktatur Fulgencio Batistas zum Erliegen kam, erneut aufzubauen. Zu diesem Zweck studierte Häsler ausführlich das Kunsthandwerk Kubas und ermittelte welche natürlichen Ressourcen vorhanden waren. Durch seine Arbeit trug er maßgeblich zum Aufbau einer neuen Keramikindustrie im Lande bei. 

Unser Vorgehen erwies sich folglich als zielführend; nach regem Mailverkehr erhielten wir eine 14-tägige Drehbewilligung auf Kuba.

 

II Eine kubanische Produzentin zur Seite ist unabdingbar:

Die renommierte kubanische Dokumentarfilmregisseurin Belkis Vega vermittelte der «Coca-Castro»-Filmcrew eine Produzentin aus Kuba; Dania Illisastiguí stand uns in jeglichen Hinsichten bei. Schlichtweg an alles denkend, organisierte die gewiefte Kubanerin allerlei Kleinigkeiten, selbst das Auffüllen von Erfrischungsgetränken in unserem Crew-Bus fiel unter ihre Verantwortung. 

 

III Kein Misstrauen aufkommen lassen:

Als Ausländer erweckt man grundsätzlich die Aufmerksamkeit der Cubanos, schleppt man zusätzlich eine Filmkamera herum, wird man mit misstrauischen Blicken gemustert. Beim Umgang mit Beamten und der Polizei ist Vorsicht geboten, am besten lässt man die Produzentin sprechen und die Drehbewilligung vorweisen. Es ist verboten Schulhäuser, Krankenhäuser und Regierungsgebäude zu filmen - Kubas profane Heiligtümer. Mit subtilem Taktgefühl haben wir es dennoch geschafft, eine Aufnahme der Universidad de la Habana zu realisieren. 

 

IV Jose Martí „Mit Feder und Machete“ lesen:

Kubas antiimperialistischer und unabhängigkeitsdenkender Nationaldichter Jose Martí (1853-1895) stellt eine allgegenwärtige Persönlichkeit im kubanischen Selbstverständnis dar. Seine Büste schmückt ausnahmslos jede Bildungsstätte, seine Verse zieren Propagandaplakate und die Kubaner schmücken ihre Redewendungen mit seinen Weisheiten.

 

V Über die Kubanische Kulinarik hinwegschauen:

Besser man versucht eine kulinarische Vorliebe für die nicht sonderlich abwechslungsreiche kubanische Küche zu entwickeln: „Arroz moro y ropa vieja“. Ansonsten besteht die Alternative auf jeder Speisekarte Cordon Bleu, Club-sandwich oder Pizza (natürlich jeweils die karibische Ausführung der uns allbekannten Speisen) zu bestellen.

 

VI „Chocolate Suizo“ gegen Ausblick eintauschen:

Eine Tafel Schweizer Schokolade verschenken und im Gegenzug Filmaufnahmen von Havannas schönsten Dachterrassen aus machen.